„Kriegsende aus der Sicht eines Kindes“
Freitag, 09. Oktober 2009Brita von Schönberg las im Stadtturm aus ihrem Buch „Anna, die Grenzgängerin“. Darin arbeitet die ehemalige Studienrätin ihre Erlebnisse, Flucht und Neuanfang, auf.
Zur Buchlesung am Mittwoch, dem 7. Oktober 2009 trafen sich zahlreiche interessierte Gäste im Stadtturm ein. Nicht nur passend zu den Feierlichkeiten, anlässlich 60 Jahre Bundesrepublik und 20 Jahre Mauerfall, verbunden mit dem Tag der Einheit, bot diese Veranstaltung etwas Besonderes. Organisiert in Zusammenarbeit von KIS und Stadtbücherei, hatte man ein Datum gewählt, welches auch noch der frühere Jahrestag der DDR war (Tag der Republik) und 60 Jahre DDR bedeuten würde (… wenn es sie noch gäbe).
In einer herzlichen Begrüßungsrede sprach Hermann-Heinrich Hacker, 1. Vorsitzender der Kultur-Initiative Bad Staffelstein (KIS) seinen Dank den Mitarbeiterinnen der Stadtbücherei und Herrn Pauser, Leiter des Arbeitskreises Literatur aus, bevor er mit einem ganz besonderen Willkommen und Dank das Wort an Brita von Schönberg übergab. Frau von Schönberg ist Studiendirektorin im Ruhestand und ist seit einiger Zeit Bürgerin der Stadt Bad Staffelstein.
In ihrem Buch „Anna, die Grenzgängerin“ beschreibt sie ihre traumatischen Erlebnisse bei Kriegsende 1945 aus der Sicht einer Fünfjährigen. In verschiedenen Passagen ihrer Lesung stellt sie den Zuhörern Einzelheiten und Zustände der damaligen Zeit vor, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.
Ausdrucksstark schildert sie Flucht und Neuanfang mit Mutter und Schwester. Die Gedanken und Sorgen über ihre jüngere Schwester Ilse, sie war damals gerade 1 ½ Jahre alt, und die große Angst, sie zu verlieren, denn Ilse konnte noch nicht sagen wer sie ist und so hätte auch kein Suchdienst des Roten Kreuzes helfen können.
Durch die Teilung Deutschlands wird ihre Familie getrennt. Die Autorin erfährt die politische und wirtschaftliche Realität des Nachkriegsdeutschlands in Ost und West.
Sie spricht über die Versorgungslage und erläutert ungeschminkt das Chaos, welches überall herrschte. Hausschneiderinnen hatten Hochkonjunktur - Patchwork aus alter Bettwäsche - das unvergessliche Gefühl gekräuselter Wolle in mehrfach verarbeiteten Stricksachen. Der Mangel wurde verwaltet mit Lebensmittelkarten, nach Farben für Gruppen sortiert. Es gab Bezugsscheine - wehe, wenn einer verloren ging. Statt Fleisch gab es Hering, statt Leberwurst gab es Hering, statt Schmalz gab es Hering … kein Wunder, wenn man eine Aversion gegen Hering entwickelte. Für Lebensmittelkarten musste man polizeilich gemeldet sein - usw.
Brita von Schönberg beschreibt die Zeit sehr lebendig und im Gesicht mancher Zuhörer kann man Nachdenken und bejahendes Nicken entdecken.
Sie erzählt über die Flucht im Juli 49 aus Sowjetzone und ihre weiteren Erfahrungen im Westen. Wie notwendig und wichtig das Führen eines Ausgabenbuches war, was sie schon bei ihrer Mutter gelernt hatte. Und von ihrer Zeit als Verkäuferin bei Karstadt und viele weitere Erfahrungen, wie sie sich durch Mangel auch selbst besser kennen gelernt hat.
Trotz allem gelingt es ihr - nicht zuletzt durch die Wende 1989 - ihre schweren Erlebnisse zu überwinden. Sie möchte allen Betroffenen Mut machen, sich mit ihrer eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen und daraus - wie sie - Gewinn zu ziehen. Sie sieht ihr Buch auch als ein Gedenkbuch und es soll Menschen ihres Alters helfen und Kräfte mobilisieren.
Nach der Lesung beantwortete Frau von Schönberg noch Fragen und signierte ihre Bücher.
©Christine Lindner für “Fränkischer Tag”

Ein Dankeschön für Brita von Schönburg - ©Foto Christine Lindner
Autoren-Porträt von Brita von Schönberg:
Brita von Schönberg wurde 1940 in Hildesheim geboren. Abitur 1960 in Wilhelmshaven. Sie studierte Germanistik und Alte Sprachen in Marburg, München, Tübingen und in Aix-en-Provence (Frankreich).
Von 1969 bis 1974 lehrte sie an der Gesamtschule Wolfhagen (Kreis Kassel). Für eine Tätigkeit im Lektorat für deutsche Sprache an der Universität Bangor (Großbritannien) wurde sie von 1974 bis 1977 beurlaubt. Bis die Studiendirektorin im Jahr 2000 in den Ruhestand eintrat, war sie an verschiedenen Gymnasien in Bayern und Sachsen tätig.

Brita von Schönburg im Gespräch - ©Foto Christine Lindner

Brita von Schönburg beim Signieren ihrer Bücher -
©Foto Christine Lindner
Brita von Schönberg
Anna, die Grenzgängerin
Versuch eines Kriegskindes, schwere Erlebnisse zu bewältigen.
Ein deutsch-deutsches Schicksal.
2009 - 200 Seiten - Pb.
Preis: 11,80 Euro
ISBN 978-3-89950-460-6
Verlag: edition fischer





















